Pixselbell

Pixselbell

🇩🇪 Deutschland
Slowly Story

Ich begeistere mich für vieles. Doch was mich am meisten umhaut, was mich den Atem anhalten lässt, ist der Schmetterlingseffekt. Die Tatsache, dass man heute woanders wäre, hätte man sich in bestimmten Punkten in der Vergangenheit anders entschieden. In meinem Fall wäre ich jetzt definitiv nicht hier, bei der Person, die mein Zuhause geworden ist, wenn ich damals auf einen bestimmten kleinen Brief nicht geantwortet hätte, was fast so gelaufen wäre.

Auf Slowly bin ich schon eine halbe Ewigkeit. 2019 habe ich diese Plattform entdeckt und mich direkt ausgetobt. Da Schreiben ein Teil von mir ist, fiel es mir nie schwer, mich mit Worten einer fremden Person zu öffnen. Und seien wir ehrlich – das Briefeschreiben mit einer fremden Person kann wahnsinnig romantisch sein. Sagen wir, durch Slowly habe ich in den letzten 5 Jahren so EINIGES erlebt und schöne sowie traurige Momente mitgenommen.

Ende Juni 2021 saß ich im Auto meiner damaligen besten Freundin. Wir parkten an einem Feld neben der Landstraße und genossen den Sonnenuntergang. Diesen Moment vergesse ich nicht, diese Atmosphäre. Auf dem Handy hatte ich seit einem Tag einen sehr kurzen Brief von einem jungen Mann. Ich erinnere mich daran, dass ich meiner Freundin den Brief vorgelesen und überlegt habe, ob ich mir die Mühe machen sollte, ihm zu antworten. Meine Erfahrung sagte mir zu dem Zeitpunkt, dass ein solch kurzer Brief ein Zeichen dafür sei, dass unsere Briefbekanntschaft nicht von langer Dauer sein würde. Doch ich entschied mich, zu antworten. Ich sitze nun hier und frage mich, was mich dazu getrieben hat. Normalerweise hätte ich solch einen kurzen Brief gelöscht, für flüchtige Bekanntschaften war ich nicht hier und solch ein Schreibverhalten versprach nicht viel – wie gesagt, das war meine persönliche Erfahrung zu dem Zeitpunkt.

Dieser Mann ging auf mein Profil ein und sagte etwas dazu. Dann mit Zeilenumbruch kam die Frage: Was hörst du so für Musik?

Eigentlich keine ungewöhnliche Frage, kein ungewöhnlicher Brief. Und doch fing ich an zu tippen, schrieb das, was mir zu seinen paar Zeilen einfiel, und schmiedete in diesem Moment, ohne es zu wissen, eine Zukunft, die all meinen Vorstellungen übertraf.

Noch am selben Tag kam eine Antwort, und es war wie ein Startschuss, den man in der Ferne hören konnte. Jeden Tag schrieben wir uns einen Brief, über mehrere Wochen hinweg. Es verging der Juli, es kam der August. Meine Familie wartete mit mir bis spät in die Nacht, mein Geburtstag stand bevor, und während wir die Sektgläser klirren ließen, wartete sein Geburtstagsbrief in meinem Handy. Dieser war bereits vor 10 Minuten eingetroffen, doch ich wartete bis Mitternacht und las ihn noch dreimal, als ich endlich im Bett lag. Am nächsten Tag würde ich mit meinem Vater 8 Stunden unterwegs sein. Er lebt in der Schweiz, und ich war endlich bereit, ihm dorthin zu folgen. Die Nerven meiner Mutter und mir lagen blank, sie weinte um mich, so weit war ich dauerhaft noch nie von ihr entfernt gewesen. Mein neuer Brieffreund Duc wusste von all dem und in dem Brief, den er an diesem Abend schickte, war ein Song, der mich so sehr rührte, dass ich mich in den Schlaf weinte.

Unsere Brieflänge stieg rasant an, wir redeten uns immer mehr von der Seele, tauschten uns über Vergangenes und dem Hier und Jetzt aus, wollten uns immer gleich erzählen, was passiert war. Irgendwann sprachen wir von Umarmungen, wir neckten uns und sagten einander, wie dankbar wir füreinander sind, wie gut die Worte des anderen tun. Mittlerweile lebte ich mich langsam in meinem neuen Zuhause ein, kümmerte mich um einen Job, richtete mein Zimmer ein, erledigte Papierkram und kümmerte mich um Versicherungen. An einem Abend kam mein Vater von der Arbeit nach Hause, mit einem Paket im Arm, auf dem mein Name stand. Völlig perplex nahm ich es an mich und sah auf den Absender. Da sah ich das erste Mal seinen vollen Namen. Er war vietnamesisch und ich kannte bisher nur seinen Rufnamen. Da machte es dann auch Klick, weshalb ich einen Namen wie seinen noch nie zuvor gehört hatte. Was macht man zuerst, wenn man einen Namen ohne Gesicht hat? Googlen. Auf einer Job-Plattform fand ich jemanden mit seinem Namen. Ich war mir zu 90% sicher, dass er es sein könnte, da ich ein Stichwort hatte, welches ich in dem Profil finden konnte. Ich machte es mir ganz langsam auf dem Balkon gemütlich, die Vorfreude auf das Paket kostete ich richtig aus. Das war sein erstes Geburtstagsgeschenk an mich. Ich war so aufgeregt, dass ich meiner Mutter davon erzählen musste. Bis heute lachen wir darüber, als sie meinte, ich würde der Liebe wegen nach Deutschland zurückkommen, und ich stritt es natürlich ab. Die Schweiz war seit mehreren Jahren mein Traum, den gab ich nicht für einen Mann her. Doch dann hielt ich plötzlich eine Telefonnummer in meinen Händen und alles verdrehte sich. Heute sage ich: Meine Mutter hatte recht.

Noch heute ahmt Duc mein allererstes nervöses „Hiiiii“ nach. Das war das Erste, was er von mir hörte. Ich war so nervös! Wahnsinnig aufgeregt! Und dann hörte ich seine Stimme, so angenehm und freundlich. Und Gott, ich mochte ihn direkt noch mehr! Ab diesem Punkt betraten wir gemeinsam eine Achterbahn mit Loopings und Wirbeln, und es hörte nicht auf. Es verging fast kein Tag mehr, an dem wir nicht abends telefonierten, zusammen Stardew Valley spielten oder einen Film schauten. Wir redeten bis tief in die Nacht. Ich wurde einmal von Papa angemeckert, ich solle nicht so laut lachen, er müsse so früh aufstehen und könne dann nicht schlafen. Einmal wurde ich von Ducs Schnarchen in meinen Ohren wach. Das Telefonat lief die ganze Nacht und es war, als wären wir beieinander. Morgens sagten wir uns guten Morgen, legten auf, nur um abends dann wieder zu telefonieren. Wir lachten viel miteinander und nach einer Auseinandersetzung mit meinem Vater tröstete er mich. Nach ein paar Telefonaten kam uns die Idee, uns sehen zu wollen. Duc wollte mich besuchen, den weiten Weg mit dem Zug auf sich nehmen. Ich wollte vorher wenigstens einmal per Videochat telefonieren, weil ich Angst hatte, ihn am Bahnhof nicht zu erkennen. Dann stand es fest, wir hatten ein Datum und sahen uns das erste Mal durch die Kamera. Nun schliefen wir nebeneinander, bis es soweit war.

Ich weiß noch, wie ich im Zürcher Flughafen an einer Bar saß und mir einen Tee bestellte, um die Nervosität zu zügeln. Papa hatte mich dazu ermutigt, damals war ich noch sehr schüchtern. Dann nahm ich den Zug zum Hauptbahnhof und es war soweit. Ich hielt ein selbstgemachtes Carpool-Schild für Duc hoch, da kam er auf mich zu und ich bekam die längste und innigste Umarmung meines Lebens. Wieder einer dieser unvergesslichen Momente.

Unsere Achterbahn nahm nun erst richtig Fahrt auf. Wir hatten noch am selben Abend ein inoffizielles Date in einem Steakrestaurant. Und aus einer spaßigen Geste heraus berührten sich draußen unsere Hände. Als es dann noch zu nieseln anfing und er meine Hand nicht losließ, war es wie im Film.

Es war Mitte September 2021 und an diesem Abend kamen wir zusammen. Unsere Seelen hatten sich gefunden.

Duc blieb eine Woche und wir machten eine Tour zu einem bestimmten Pass. Dort oben, wo wir für uns waren, wie in einem Traum, sagte er mir das erste Mal „Ich liebe dich.“

Leider konnte ich zu diesem Zeitpunkt nichts erwidern, vergangenheitsbedingt. Stattdessen umarmte ich ihn. Ein Jahr später gab ich ihm an genau derselben Stelle das Ja-Wort.

Und nun sitze ich hier mit feuchten Augen und einem Herzen in meiner Brust, das nicht dankbarer sein könnte. Heute befinden wir uns im Hausbau und reden über Namen, die unsere Kinder tragen könnten. In diesem einst fremden jungen Mann mit diesem kurzen Brief habe ich meinen besten Freund, Ehemann, Seelenpartner und mein Zuhause gefunden. Ich schreibe dies zur Feier unseres vierten Jahrestages, noch weiß er nichts davon. Wir haben schon einige Abenteuer hinter uns, haben Hindernisse überwunden und Monster besiegt. Noch immer sehen wir uns tief in die Augen, als wäre es unser erster gemeinsamer Tag. Dieser Mensch trägt einen großen Teil meines Herzens mit sich und ich weiß, bei ihm ist es gut aufgehoben.

Nun an dich, Duc:

Ein Hoch auf Uns! Auf alles, was sich uns noch in den Weg stellen wird und was wir mit geballter Kraft einreißen werden!

Ich danke dir so sehr für die letzten 4 Jahre, ich kann gar nicht beschreiben, wie glücklich du mich machst. Ich freue mich riesig auf unsere Zukunft und genieße jeden Moment, in dem ich dein Lächeln genießen darf.

Deine Frau, die dich inniger liebt, als Worte es je sagen könnten,

Selina.

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